Vier Perspektiven: Eignet sich das Homeoffice als Dauerlösung?

In einem Punkt sind sich sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer einig: Die Corona-Pandemie hat viele Entwicklungen stark beschleunigt – allen voran die Digitalisierung der Arbeitsprozesse in Verbindung mit der ruckartigen Einführung des mobilen Arbeitens. Auf den ersten Blick scheint der etwas holprige Schnellschuss für alle Seiten ein Gewinn zu sein. Doch wie sieht es mit ein wenig Abstand aus, rückblickend auf die vergangenen Monate?

Deshalb wagen wir heute eine Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven und sind gespannt auf die Diskussion mit Ihnen am Ende dieses Artikels. Lassen Sie uns gerne wissen, wie Sie über das derzeit polarisierende Thema denken.

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Perspektive der Arbeitgeber: Brauchen wir noch mehr Homeoffice?

Deutschlands Arbeitgeber haben im Frühjahr 2020 zu Beginn der Pandemie besonnen reagiert. Binnen kürzester Zeit war es gelungen, weite Teile der Belegschaft in das Homeoffice zu verlagern, um die Kontakte zu reduzieren. Bei großen Konzernen wie SAP oder der Deutschen Bank wurden Homeoffice-Quoten von bis zu 90 Prozent erreicht. Zusätzlich wurden Lüftungssysteme optimiert und strenge Hygienekonzepte eingeführt, um den verbliebenen Arbeitnehmern im Büro möglichst viel Sicherheit bieten zu können. Für viele hat sich das Konzept Homeoffice bewährt: Sie wollen das mobile Arbeiten auch nach der Rückkehr zur Normalität beibehalten, weil es für beide Seiten Vorteile bringt. Überwiegend werden jedoch Hybridmodelle angestrebt.

Damit sind allerdings mittlerweile bei vielen Arbeitgebern auch die Grenzen erreicht. Noch mehr Homeoffice ist für viele Betriebe nicht denkbar, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Effizienz: Auch wenn das mobile Arbeiten als Effizienzbooster gehandelt wird, gibt es viele Unternehmen, die diesen Effekt nicht bestätigen können. Eine Studie des US-amerikanischen Unternehmen Asana kommt zu dem Ergebnis, dass Remote Worker 60 Prozent ihrer Zeit nicht mit projektrelevanten Arbeiten verbringen.
  • Tätigkeit: Wer im Büro entbehrlich ist, bleibt zuhause – das hat schon im Frühling 2020 gut gekappt. Aber was ist mit den Produktionsmitarbeitern, Krankenschwestern und Heizungsbauern? Die Linked Personnel Panel-Umfrage hat ergeben, dass 90 Prozent der Arbeitgeber angeben, dass es Tätigkeiten gebe, die nicht im Homeoffice erledigt werden können.
  • Ablenkung: Während der Telefonkonferenz eben die Spülmaschine ausräumen oder ohne sich abzumelden eine Stunde Homeschooling erledigen – im Homeoffice ist die Gefahr von Ablenkungen während der Arbeitszeit groß.
  • Teamarbeit: Auch wenn sich Teammeetings via Teams & Co. organisieren lassen – es wird nie dasselbe sein, wie ein gemeinsames Brainstorming im Büro. Es ist fraglich, wie lang sich der Team Spirit erhalten lässt.
  • Bandbreite: Schwierigkeiten mit einer nicht ausreichenden Bandbreite erschweren die Zusammenarbeit im Homeoffice gerade in ländlicheren Gebieten
  • Identifikation: Durch die Distanz können sich die Mitarbeiter immer weniger mit dem Unternehmen und dem gemeinsam verfolgten Ziel identifizieren. Dadurch leiden die Motivation, die Leidenschaft für die eigenen Aufgaben und in der Folge häufig auch die Mitarbeiterbindung.
  • Erreichbarkeit: Wo sinnvolle digitale Prozesse fehlen, schwindet die Erreichbarkeit des Unternehmens. In kundenbezogenen Abteilungen wie Verkauf und Kundenservice macht sich dies stark bemerkbar. Dies betrifft auch Abteilungen mit internem Kundenverkehr (z. B. die HR-Abteilung).

homeoffice_perspektive-arbeitgeberAuf die von vielen Seiten lauter werdenden Forderungen nach einer gesetzlichen Verpflichtung zum Homeoffice reagieren die Arbeitgeber eher ablehnend. Eine Sprecherin des Autozulieferers Bosch erklärte beispielsweise, dass eine gesetzliche Homeoffice-Pflicht die ohnehin schon in Existenznöten befindlichen Unternehmen zusätzlich in ihrer Handlungsfreiheit einschränken würde. Immerhin gehen mit der Einrichtung von Arbeitsplätzen im Homeoffice auch enorme Ausgaben einher – einer Studie von Price Waterhouse Cooper (PWC), eines britischen Beratungsunternehmens, zufolge ist pro Mitarbeiter durchschnittlich mit Kosten von 950 Euro zu rechnen – bei einer großen Belegschaft ist dies ein enormer Kostenfaktor, während die bisherigen Büros weiterhin Ausgaben verursachen.

Ein weiterer Standpunkt: Eine andere Studie von PWC kommt zu dem Schluss, dass vermehrtes Homeoffice im Nachgang Milliardenschäden verursachen könnte. Ob Gastronomie, Reinigung oder Makler – verkleinerte Büros bedeuten auch weniger Aufträge für die Dienstleistungsbranche.

Perspektive der Arbeitnehmer: eine zwiegespaltene Sichtweise

Die Hans-Böckler-Stiftung untersucht bereits seit vielen Jahren in umfangreichen Studien, wie sich die Haltung der Menschen zur mobilen Arbeit verändert und welche Chancen und Risiken sie bietet. Zuletzt waren die Zahlen der Mitarbeiter im häuslichen Arbeitszimmer rückläufig. Während der Anteil der im Homeoffice Beschäftigten im April 2020 bei 27 Prozent lag, fand er sich im November 2020 während des Lockdown Light bei 14 Prozent auf einem niedrigen Niveau ein.

Den Arbeitnehmern gefällt das Modell Homeoffice: Drei Viertel der durch die Stiftung befragten Arbeitnehmer haben das Gefühl, dass sich Beruf und Familie dadurch leichter vereinen lassen. Kein Wunder: Dadurch wird die während der Krise so schwierige Kinderbetreuung sichergestellt – allerdings resultiert daraus auch eine nicht zu unterschätzende Doppelbelastung vieler Familien. 60 Prozent sprechen sich sogar dafür aus, im Homeoffice effizienter zu arbeiten als im Betrieb und auch die Arbeit als solche wird zu Hause nicht als anstrengender empfunden. Genauso viele Arbeitnehmer geben jedoch auch zu bedenken, dass die Grenzen zwischen ihrer Berufstätigkeit und der Freizeit zunehmend verschwimmen.

Das Urteil der Arbeitnehmer ist jedoch eindeutig: Mit 48 Prozent hätte beinahe jeder zweite Arbeitnehmer nach der Pandemie gerne genauso viel Homeoffice-Anteil wie derzeit. Nur 13 Prozent sind froh, wenn sie wieder normal ins Büro gehen können. Der Rest bevorzugt ein hybrides Modell, bei dem sich Homeoffice-Tage mit Bürotagen abwechseln. So lassen sich die Vorteile des mobilen Arbeitens optimal ausnutzen:

  • verbesserte Möglichkeiten bei der Kinderbetreuung
  • weniger Ablenkung und effizienteres Arbeiten
  • bessere Work-Life-Balance
  • weniger Zeit und Kosten für das Pendeln zur Arbeit
  • bessere Ausnutzung der individuellen Leistungsphasen
  • weniger Stress

Perspektive der Juristen: viele ungeklärte Fragestellungen

Juristen haben auf das Homeoffice eine andere Sichtweise. Sie sehen insbesondere die vielen ungeklärten Fragen, die wie ein Damoklesschwert über der Situation schweben. Hierzu gehören unter anderen:homeoffice_juristische-perspektive

  • Ist die einseitige Anordnung von Homeoffice zulässig?
    Wenn der Arbeitsvertrag diese Möglichkeit nicht ausdrücklich erlaubt, ist sie nicht zulässig. Dank der oft enthaltenen Schriftformklausel ist die mündliche Vereinbarung von Homeoffice ebenfalls nicht ausreichend. Erforderlich sind vertragliche Regelungen.
  • Welche Stellen müssen einbezogen werden?
    Besteht ein Betriebsrat, muss dieser zum Thema Remote Work hinzugezogen werden – es lohnt sich, eine globale Betriebsvereinbarung abzuschließen. Unter Umständen muss auch der Vermieter des Mitarbeiters der Nutzung der Wohnung als Homeoffice zustimmen.
  • Wer muss den Arbeitsplatz einrichten?
    Der Arbeitgeber ist verpflichtet, einen eingerichteten Arbeitsplatz zu stellen – alles andere käme einem Annahmeverzug der Arbeitsleistung gleich. Auf diesem Hintergrund müssen BYOD-Modelle (Bring your own device) betrachtet werden, bei dem die Mitarbeiter eigene Geräte nutzen.
  • Wer ist für den Datenschutz verantwortlich?
    Der Arbeitgeber muss auch im Homeoffice sicherstellen, dass personenbezogene Daten gemäß der DSGVO verarbeitet werden, und dafür technische und organisatorische Maßnahmen treffen.
  • Wie sieht es mit dem Arbeitsschutz aus?
    Auch für den Arbeitsschutz im häuslichen Arbeitszimmer ist der Arbeitgeber verantwortlich. Dazu gehören eine sichere Einrichtung des Arbeitsplatzes ebenso wie eine Gefährdungsbeurteilung.
  • Muss das Arbeitszeitgesetz eingehalten werden?
    Auch beim mobilen Arbeiten gelten die gesetzlichen Vorgaben (z. B. Ruhezeit von elf Stunden, Pausen). Die Einhaltung lässt sich aber ungleich schwieriger kontrollieren als im Betrieb.

Gerade weil viele Arbeitgeber das Modell Homeoffice auch langfristig und über die Pandemie hinaus in ihre Beschäftigungsmodelle integrieren wollen, wird es Zeit, auch für rechtliche Fragestellungen Lösungen zu finden. Schriftliche Vereinbarungen helfen, Unsicherheiten zu beseitigen und klare Rechtsverhältnisse zu schaffen.

Perspektive der Medizin: 76 Prozent haben Gesundheitsprobleme

Der Faktor Gesundheit wiegt bei der Entscheidung „Homeoffice – ja oder nein?“ schwer. Einer repräsentativen Umfrage des Bürostuhlherstellers Aeris unter 2.000 Arbeitnehmern in der DACH-Region zufolge bekommen rund zwei Drittel der im Homeoffice Beschäftigten gesundheitliche Probleme.

Homeoffice-gesundheit_medizinDies resultiert unter anderem daraus, dass das häusliche Arbeitszimmer in rund der Hälfte der Fälle schlechter ausgestattet ist als das normale Büro. 44 Prozent der Remote Worker haben gar kein Arbeitszimmer und arbeiten vom Küchentisch oder dem Schlafzimmer aus. Besonders verbreitet sind Rückenschmerzen (26 Prozent), Muskelschmerzen wie Nacken- und Schulterverspannungen (21 Prozent), Müdigkeit, Erschöpfung, Stress und Unruhe (20 Prozent) sowie psychische Probleme wie Depressionen oder Abgeschlagenheit (12 Prozent). Auch die Gewichtszunahme ist für jeden fünften Arbeitnehmer im Homeoffice ein Thema.

Dies bedeutet nicht, dass das Homeoffice per se schlecht für die Gesundheit sei. Aber die Arbeitgeber sind hier gefragt: Soll das mobile Arbeiten zum Standard werden, müssen entsprechende Gesundheitsschutzmaßnahmen folgen. Dies beginnt bei der ergonomischen Ausstattung des heimischen Arbeitsplatzes und endet noch lange nicht bei Maßnahmen des Gesundheitsschutzes wie Bewegungsprogramme und Ernährungstipps.

Das Corona-Homeoffice: Tragfähiges Modell als Dauerlösung oder Eintagsfliege?

Trotz aller Vorbehalte – viele wollen es auch nach der Corona-Krise beibehalten. Bei aller Begeisterung für das neue, digitale Arbeiten dürfen aber auch die Schattenseiten nicht verkannt werden, ob mögliche gesundheitliche Folgen, rechtliche Risiken oder auch Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft.

Viele Arbeitgeber befinden sich in einem Zwiespalt. Einerseits hat sich das Homeoffice in vielen Bereichen bewährt und sie möchten ihren Arbeitnehmern ein Höchstmaß an Flexibilität und Sicherheit bieten. Andererseits müssen sie auch auf die Wirtschaftlichkeit des mobilen Arbeitens sowie rechtliche Fragestellungen und den Gesundheitsschutz achten. Auch bei den Arbeitnehmern zeichnet sich kein klares Bild ab. Während die einen am liebsten nur noch im Homeoffice arbeiten würden, vermissen andere längst ihre Kollegen und brauchen die soziale Interaktion im Büro. Auch die Angst vor der Isolation im heimischen Arbeitszimmer und gesundheitliche Probleme drängen viele zurück ins Büro.

Wie sehen Sie das Thema Homeoffice? Bleibt es für Sie eher eine Ausnahmeerscheinung während der Corona-Pandemie oder hat das Arbeitsmodell langfristiges Potenzial? Wir freuen uns auf neue Perspektiven und einen fruchtbaren Austausch!

 

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3 Kommentare zu “Eignet sich das Homeoffice als Dauerlösung?

  1. Leona Jasmin Lewis sagt:

    Grundsätzlich sollte man zwischen Homeoffice und mobilem Arbeiten unterscheiden. Aktuell arbeiten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mobil, großteils von zu Hause am Küchentisch. Das ist sicher nicht die Zukunft. Homeoffice, also ein wirklich eingerichteter Arbeitsplatz zu Hause aber durchaus. Es lässt sich auch beobachten, dass jene Mitarbeitenden, die im Homeoffice unproduktiv werden, auch im Büro eher wenig Motivation haben und eher von sich hinwursteln statt wirklich effizient und produktiv tätig zu sein.

    Grundsätzlich liegt eine Steigerung an psychischen Erkrankungen aktuell vor allem an der Ungewissheit, die viele Menschen plagt. Physischen Beschwerden kann mit richtiger Einrichtung oft schon Abhilfe schaffen.
    Festzuhalten ist grundsätzlich auch, dass viele Menschen Homeoffice als Erleichterung empfinden, weil durch wegfallende Arbeitswege der Stress reduziert wird und durch den Zeitgewinn die Lebensqualität steigt.

    Menschen sind verschieden und genau das sollte unsere Arbeitswelt spiegeln – hier ist mehr Flexibilität gefordert. Wenn es Menschen gibt, die im Homeoffice zufriedener sind und damit auch bessere Arbeit machen, sollte man ihnen dies ermöglichen. Es braucht hier den Mut, weg zu gehen vom “Standard” und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so individuell zu betrachten, wie sie als Menschen sind. Auch Individualität in Arbeitsplatz- und Arbeitszeitmodellen ist standardisierbar. Voraussetzung hierfür ist die Bereitschaft, umzudenken und den eigenen inneren Kontrolletti ein wenig zu besänftigen und loszulassen.

    Lust auf Umsetzung?
    Interesse an fachlichem Austausch?

    Ich freue mich darauf!

    Ihre

    Leona Jasmin Lewis
    führungserfahrene HR-Allrounderin
    Coach, Beraterin & Kommunikationstrainerin

  2. Ein guter Artikel, gerade weil er unterschiedliche Aspekte und Sichtweisen aufgreift.
    Jedoch fehlt mir die Unterscheidung zwischen “Home Office” und “Mobilem Arbeiten” – beide Begriffe werden hier vermischt. Dabei bezeichnen sie gerade rechtlich zwei sehr unterschiedliche Dinge. So ist bei mobilem Arbeiten der Arbeitgeber nicht gezwungen, bspw. Büromöbel zu stellen. Entsprechend ist dann auch ein Kostenargument (“…ist pro Mitarbeiter durchschnittlich mit Kosten von 950 Euro zu rechnen”) hinfällig.
    Interessant ist natürlich die Idee, indirekte Kosten (bspw. durch kleinere Büros) mit einzubeziehen – schade, dass das nicht durchgängig gemacht wurde, bspw. bei positiven Effekten für die Umwelt durch weniger Berufsverkehr. Hier wäre sicherlich ein eigener Abschnitt ganz interessant gewesen.

  3. Andrea Hauschel sagt:

    Mobiles Arbeiten wo es möglich ist und auch vom Arbeitnehmer gewünscht, bringt meines Erachtens allen Beteiligten Vorteile. Natürlich gibt es auch Probleme und Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. Wenn wir aber davon ausgehen, dass es sich sowohl bei den Arbeitnehmern wir auch den Arbeitgebern um mündliche, selbstverantwortliche Personen handelt, dann kann mobiles Arbeiten zu einer weiteren Möglichkeit in der flexiblen Arbeitswelt werden.
    Wir müssen uns aber bewußt werden, dass wir damit auch weg müssen von der “Gleichmacherei”.
    Es gibt Berufe und Tätigkeiten, da ist mobiles Arbeiten eine geniale Lösung. Dafür benötigt es Vertrauen vom Arbeitgeber und Verantwortungsbewußtsein (sowohl gegenüber dem Arbeitgeber wie auch der eigenen Gesundheit gegenüber ) vom Arbeitnehmer.
    Es gibt (und wird es auch immer geben) aber sicherlich viele (wenn nicht sogar die meisten) Berufe, da funktioniert mobiles Arbeiten aber gar nicht.
    Dies zu akzeptieren fällt nach wie vor vielen Menschen schwer.
    Erstrebenswert für die Zukunft sollte einfach der gesunde Mix verschiedener Arbeitsformen sein.

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